Rezension zu „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman

Da meine ersten drei Blogbeiträge jeweils versuchten, Brückenschläge zwischen den von Daniel Kahneman dargelegten Gedanken in „Schnelles Denken, langsames Denken“ und mathematikdidaktischen Themen vorzunehmen, möchte ich nun eine Rezension zu dem Buch selbst verfassen. So viel vorweg: Ich kann das Buch jedem weiterempfehlen!

Daniel Kahneman, geboren 1934, ist ein Psychologe aus Israel, der heute in den USA lehrt. Zudem ist er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden und kann, wie sich daher schon vermuten lässt, auf eine umfangreiche und erfolgreiche Arbeit in der Psychologie zurückblicken. Und letztendlich schreibt Kahneman sein Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ auch als genau das: Es ist ein umfassender Rückblick auf seine Arbeit und eine Strukturierung all seines psychologischen Wissens zu einer kohärenten Theorie. Kahneman widmet das Buch seinem verstorbenen Freund und Kollegen Amos Tversky, mit dem er unter anderem die Entscheidungstheorie entwickelte, für die er schließlich den Nobelpreis bekam. (Da nur Lebende den Nobelpreis bekommen können, wurde Tversky nicht ausgezeichnet, obwohl er ihn ebenso verdient hätte – daran lässt Kahneman keinen Zweifel.)

Das Buch hat insgesamt 621 Seiten und ist aufgeteilt in fünf Teile, an die sich ein umfangreicher Anhang mit zwei originalen Fachartikeln von Kahneman und Tversky und zahlreichen Anmerkungen und Quellenangaben anschließt. Der erste Teil des Buches widmet sich der Theorie der zwei Systeme, die Sie in den letzten Blogartikeln kennen gelernt haben. Hier werden die Grundlagen zum Verständnis der späteren Kapitel gelegt. Kahneman schafft es hier, so unterschiedliche Themen wie Aufmerksamkeit, geistige Anstrengung, Selbstkontrolle, Selbsterschöpfung, Priming, assoziative Netzwerke, intentionales und kausales Denken, Überraschungen und Normen, emotionale Kohärenz und weitere mithilfe der Theorie der zwei Systeme zu einer kohärenten Darstellung zu vereinen. Außerdem bereitet er bereits geschickt den zweiten Teil vor, sodass man beim Lesen noch oft an die Beschreibungen aus diesem ersten Teil zurückdenkt.

Der zweite Teil wiederum widmet sich Urteilsheuristiken. Das sind intuitive Strategien, die uns helfen können, Urteile zu fällen. Weil diese intuitiven Strategien aber nicht auf den selten verfügbaren „harten Fakten“ beruhen, führen sie auch systematisch zu falschen Urteilen. Anhand dieser Urteilsfehler, die Kahneman als kognitive Verzerrung (des Urteils) bezeichnet, haben er und Tversky die Heuristiken entdeckt und nachgewiesen, die in diesem Teil beschrieben werden. Dementsprechend spielen die kognitiven Verzerrungen in seiner Darstellung der Urteilsforschung eine dominante Rolle, auch wenn er selbst schreibt, dass sie uns meistens zu guten oder brauchbaren Urteilen führen.

Dennoch werden im dritten Teil hauptsächlich weitere Illusionen und Fehler vorgestellt, die auf den Urteilsheuristiken beruhen. Dazu kommen aber einige Vorschläge, wie sich eben diese Illusionen und Fehler durch bestimmte Verfahren vermeiden bzw. reduzieren lassen. Und schließlich schreibt Kahneman auch von einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Gary Klein, der im Gegensatz zu Kahneman erstaunlich gute intuitive Urteile gefunden hatte. Zusammen kamen sie schließlich darauf, dass Intuition gut funktioniert, wenn die Umwelt, in der sie angewendet wird, einigermaßen regelmäßig oder gleichbleibend ist. In solchen Umwelten können Experten genügend Erfahrung für zuverlässige Urteile sammeln. Zufällig hatte Klein vor allem Feuerwehrmänner und Pflegekräfte untersucht, deren Umwelten offenbar regelmäßig genug sind, um zu wirklich erstaunlichen, guten Urteilen zu kommen, die eben diese Feuerwehrmänner und Pflegekräfte gar nicht genau begründen können. Sie sind einfach plötzlich da. Im Gegensatz dazu hatte sich Kahneman hauptsächlich mit Stockpickern und Wirtschaftsexperten beschäftigt, die behaupteten, am Aktienmarkt zuverlässige Urteile fällen zu können. Nach Kahnemans Analyse erwiesen sich diese Behauptungen als kognitive Verzerrung und das beeinflusste seine eher negative Beurteilung der intuitiven Urteile.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Neuen Erwartungstheorie für Entscheidungen, für die Kahneman den Nobelpreis erhielt, und weiteren Faktoren, die unsere Entscheidungen beeinflussen. Kahneman stellt überzeugend dar, dass der Mensch eben kein homo oeconomicus ist, der seine Entscheidungen vollkommen rational nach der Maxime der persönlichen Nutzenmaximierung trifft. Dabei konzentriert sich Kahneman auf die Widerlegung der Rationalitätsannahme und legt stattdessen eine differenziertere Entscheidungsfindung dar, die wiederum im Kontext der zwei Systeme interpretiert wird. Dieser Fokus auf die irrationalen Entscheidungen kommt am Ende auch seiner Argumentation für das umstrittene Nudging zu Gute, das Kritiker auch (etwas polemisch) als Verhaltensmanipulation abkanzeln. Kahneman hingegen sieht das Nudging eher als Angebot für bessere Entscheidungen und weiß dafür durchaus überzeugend zu argumentieren.

Im fünften und letzten Teil schließlich eröffnet Kahneman einen Unterschied zwischen erinnerndem und erlebendem Selbst und stellt ihren Zusammenhang zu Entscheidungen, zum Wohlbefinden und zur Lebenszufriedenheit dar. Ein anschließendes Schlusswort fasst die wichtigsten Unterscheidungen zwischen System 1 und 2, zwischen Econs („homo oeconomicus“) und Humans („echte Menschen“) und zwischen erinnerndem und erlebendem Selbst zusammen.

Diese umfassende und zusammenhängend dargestellte Reise durch die verschiedensten psychologischen Themengebiete weiß Kahneman gekonnt zu beschreiben. Er bringt immer wieder Beispiele, an denen man die beschriebenen Effekte selbst nachvollziehen kann, oder Beispiele aus seinem persönlichen Leben. Dies und der flüssige Schreibstil machen das Buch trotz seiner Länge leicht und angenehm zu lesen. Dazu kommt Transparenz: Kahneman erklärt zum Beispiel, dass seine personifizierende Schreibweise über die Systeme genau genommen falsch ist, aber dafür einfacher zu verarbeiten. Und dass nach seiner Erfahrung das Wissen über die verschiedenen Urteilsfehler eher nicht dazu beiträgt, die eigenen Fehler zu erkennen, aber dafür helfen kann, die Fehler anderer zu erkennen. Dadurch hofft er, die Gespräche am Kaffeeautomaten um eine psychologisch fundierte Sprache zu bereichern und bringt dafür am Ende eines jeden Kapitels Beispiele, wie entsprechende Aussagen aussehen können. Meiner Meinung nach schafft es Kahneman tatsächlich, eine Sprache oder Sprachebene zu finden, die psychologische Effekte so beschreibt, dass man sie im Alltag und im Beruf nutzen kann. Das ist vielleicht der größte Pluspunkt des Buches.

Fazit: Daniel Kahneman hat ein grandioses Buch geschrieben, das ich jedem weiterempfehlen kann. Man muss nicht jeder seiner Darstellungen komplett folgen, z. B. bei der eher negativen Sichtweise auf intuitive Urteile oder beim Nudging. Aber selbst wenn man ihm dort nicht zustimmt, wird das Lesen dieses Buches ein großer Gewinn sein. Mich selbst hat es bereits jetzt in meinem Denken, Urteilen und Entscheiden stark beeinflusst.

Quelle

Kahneman, Daniel (2015): Schnelles Denken, langsames Denken. 14. Auflage. Pantheon-Ausgabe.

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